Seit 1961 produziert die Firma Reckhaus Insektenschutzmittel. Was der Vater Klaus Reckhaus als Handelsvertreter einst ins Leben gerufen hat, hat sein Sohn Hans-Dietrich, nachdem er an der Universität St. Gallen studiert und promoviert hat, weitergeführt. In Bielefeld werden Biozide zur Bekämpfung von Mücken, Wespen, Ameisen und Motten hergestellt, und seit 1999 ist die Firma Reckhaus auch in Gais zu Hause, von wo aus sie die Produkte zur Insektenbekämpfung im Haushalt vertreibt.
17 gedankenlose Jahre

Nun sitzt Hans-Dietrich Reckhaus in seinem Büro in Gais und sagt: «Unvorstellbar, dass ich mich früher nur mit meinen Produkten befasst und 17 Jahre nie über den Wert von Insekten nachgedacht habe.» Da spricht ein Geläuterter, der zwar immer noch Ameisenköder-Dosen und Insektensprays produzieren lässt und so 75 Mitarbeiter beschäftigt, selbst aber ein Insektenliebhaber geworden ist.

Nicht nur das, Reckhaus will der Natur und insbesondere den Insekten wieder etwas zurückgeben. Mit einem System, das an myclimate erinnert, wo man pro Flugmeile etwas für den Klimaschutz einbezahlt, kompensiert Reckhaus mit zusätzlichem Lebensraum für die Insekten. Gestern hat er deshalb in Gais die erste Insekten-Ausgleichsfläche in der Schweiz eröffnet. Eine tote Dachfläche ist dermassen umgestaltet worden, dass diese als Naturreservat den Tieren Heimat werden soll.

Anstoss von den Riklins

Doch wie ist Reckhaus vom Insektenkiller zum Liebhaber und nachhaltigen Biozid-Hersteller geworden? Die Wandlung hat mit den St. Galler Künstler-Brüdern Frank und Patrik Riklin zu tun. Reckhaus war begeistert über deren Null-Sterne-Hotel-Projekt in Sevelen. Eine solche Resonanz wollte er auch für seinen ersten Insektizid-freien Fliegenstreifen erreichen. So fragte er die Riklins für eine Kunstaktion an, um seine Fliegenscheibe bekannt zu machen. Diese zeigten sich aber über Reckhaus’ Firma «nicht sehr begeistert». «Dein Produkt ist schlecht, es tötet Fliegen. Das wollen wir nicht fördern», sagten die Riklins und lösten bei Reckhaus einen Heureka-Effekt aus. Dieser hielt sich den Spiegel vor und fragte sich, warum Insekten in unserer Gesellschaft keinen Wert hatten.

So entstand vor drei Jahren die Kunstaktion «Fliegen retten in Deppendorf», ein Dorf in der Nähe von Bielefeld. In der kafkaesken Aktion half die Bevölkerung mit, Fliegen zu retten, statt sie zu töten. «Den Künstlern ging es darum, in den Dialog mit der Gesellschaft zu treten, um über den Wert der Fliegen nachzudenken», sagt Reckhaus.

Das führte zum Unternehmenswandel der Firma Reckhaus, die nachhaltige Wirkung auf den ganzen Insektenbekämpfungsmarkt haben soll. «Es sollten weniger Insektenschutzmittel eingesetzt werden, nicht nachhaltige Biozid-Hersteller müssten vom Markt zurückgedrängt werden, das Bewusstsein für den hohen Wert von Insekten in der Natur muss gefördert werden», sagt Reckhaus.

Warum jede Fliege zählt

Soeben hat er dazu ein Buch verfasst mit dem eindeutigen Titel: «Warum jede Fliege zählt». Eine Dokumentation über Wert und Bedrohung von Insekten, denn deren Anzahl gehe laufend zurück, sagt der Firmenchef. Er gründete das Gütesiegel «Insect Respect», mit dem betont wird, dass Insekten die Pflanzenwelt am Leben erhalten, die Widerstandskraft der Natur stärken, unsere Böden fruchtbar machen und so zur Nahrungsmittelproduktion beitragen. Das Gütesiegel steht für eine ausgeglichene Bekämpfung: Für die Anzahl Insekten, die mit einem Produkt bekämpft werden, schafft der Hersteller eine Ausgleichsfläche, die optimale Lebensbedingungen für Insekten bietet.

Reckhaus verneint nicht, dass das etwas paradox tönt – tödliche Biozide herstellen und gleichzeitig Insekten retten: «Mücken und Motten quälen uns, wenn sie am falschen Ort sind. Besuchen sie uns im Haus, haben sie Pech gehabt, aber ich bekämpfe sie mit einem Produkt, das kompensiert», sagt Reckhaus.

500 Quadratmeter erobert

So wie auf dem Firmendach in Gais. Gestaltet hat diese Ausgleichsfläche der Biologe Stephan Liersch, der auf der 500 Quadratmeter grossen Dachfläche erklärt, wie hier die Artenvielfalt ermöglicht wird. Eine Samen-Mischung hat er ausgestreut mit 60 Schweizer Wildblumenarten. Wachsen werden die auf Bodensubstraten aus Erde, Blähton, Lava, Kies und Rindenkompost. Liersch zeigt auf Ast-und Steinhaufen und Stammstücke, denn Totholz bietet Insekten ein ideales Zuhause. Aber auch zehn verschiedene Büsche hat er auf das Dach gepflanzt: unter anderem Liguster, Paffenhütchen und Berberitze. «In zwei Jahren wird das Dach überwachsen sein», sagt Liersch.