«Manche mögen denken, ich sei völlig bekloppt», sagt Hans-Dietrich Reckhaus. Der 49-Jährige führt in zweiter Generation eine Firma für Insektengifte. Nun vollzieht das Unternehmen einen radikalen Wandel. In Gais hat Reckhaus am Dienstag die erste Ausgleichsfläche für Käfer, Spinnen und andere Krabbeltiere eröffnet. Insect Respect nennt sich das Projekt.

Die Einsicht dazu kam Reckhaus vor etwa drei Jahren: «Wenn meine Produkte 1000 Fliegen töten, will ich Lebensraum für 1000 Fliegen anbieten.» Aus einem Flachdach in Gais hat das Unternehmen einen Lebensraum für unzählige Tiere und Pflanzen geschaffen, die sich dort nach und nach ansiedeln sollen. «Wir rechnen damit, dass sich in den nächsten Monaten bis Jahren eine grosse Artenvielfalt heimisch macht auf den 500 Quadratmetern», sagt Stephan Liersch, der das Projekt als Biologe begleitet. In der ersten Insektenausgleichsfläche in Deutschland hätten einige seltene Tiere einen Lebensraum gefunden.

«Der Biozidmarkt muss sich verändern»

Das Label Insect Respect soll sich laut Reckhaus nicht auf zwei einzelne auf Flachdächern angelegte Lebensräume beschränken, sondern zu einem Gütesiegel für die gesamte Biozidherstellung werden: «Das Gütesiegel soll den Kunden zeigen, dass sich der Hersteller bewusst mit der Kompensation auseinandersetzt. Die Produzenten und Händler geben uns an, wieviele Produkte sie verkaufen, gelten dies entsprechend ab und wir bauen neue Ausgleichsflächen.» Reckhaus’ Vision für sein Unternehmen ist ein radikaler Wandel vom Biozid-Hersteller hin zum Anbieter nachhaltiger Produkte.

Orchideen auf Flachdach

Eine Insektenausgleichsfläche kann laut Reckhaus auf jedem beliebigen Flachdach gebaut werden. Die Kosten für den Bau und Unterhalt einer solchen Anlage belaufen sich auf 30 bis 40 Franken pro Quadratmeter und sind es laut Reckhaus wert: «Ein begrüntes Dach sorgt für viele positive Effekte, allein die klimatischen Veränderungen in den Räumen darunter sind äuserst positiv.» Auf dem Dach werden diverse heimische Pflanzen gesät, von denen einige in der Natur kaum mehr vorkämen. Biologe Liersch glaubt gar an ein Flachdachphänomen: «Dadurch dass die Zonen nicht gestört werden, entwickelt sich ein ursprüngliches Vegetationsbild. Vielleicht wachsen ja bald wilde Orchideen wie auf anderen Flachdächern.»

Alles begann mit der Fliege Erika

Dass sich er sich gegen seine eigene Branche wendet, ist Reckhaus bewusst: «Ich bin in der Branche ein rotes Tuch und man kehrt mir den Rücken zu.» Doch Reckhaus lässt sich nicht beirren.

Den Ursprung seines Sinneswandels sieht der Unternehmer in der Zusammenarbeit mit den St. Galler Künstlern, Frank und Patrik Riklin. Im Zusammenhang mit der Entwicklung einer Fliegenfalle hatten die Künstler Reckhaus dazu gebracht, sich grundsätzlich mit dem Wert eines Lebewesens auseinanderzusetzen. Die Zusammenarbeit gipfelte im Kunstprojekt rund um die Fliege Erika, die inzwischen Teil der HSG-Kunstsammlung ist.

Die Riklins sind stolz darauf, wie sich die Dinge bei Reckhaus entwickelt haben: «Das Unternehmen hat durch unsere Impulse eine Wandel erfahren», so Frank Riklin.